Charango
Meine Reise durch das lange dünne Chile
Charango
handelt von einer Reise durch Chile. Die darin vorkommenden
Erlebnisse und Berichte sind real, aber da „aus den Augen
und mit der Sprache eines Kindes“ erzählt wird, erfährt
der Leser viel Wissenswertes über Land, Leute und
Geschichte auf charmante und zum Teil sicherlich auch ungewöhnliche
Weise.
Damit ist Charango eine unterhaltsame Reiselektüre
und ideale Ergänzung
zu klassischen Reiseführern.
Covertext
Charango ist eine Liebeserklärung an Chile. Das
Land, das sich lang und schmal zwischen den Anden und dem
Pazifik seinen Platz gesucht hat. Dort liegt es und wartet
auf all diejenigen, die seine großartige Naturvielfalt
geniesen, die netten Menschen erleben oder einfach eine
tolle Reise machen wollen.
Zusammen mit ihrem damals dreijährigen Sohn Rafael
Luis ist die Autorin nach Chile geflogen. Aus dem geplanten
Erholurlaub wurden fünf aufregende Recherchewochen
für Charango. Entstanden ist ein Reisetagebuch, in
dem die Autorin die vielen Erlebnisse und Begebenheiten
während dieser Reise aus der Sicht ihres Sohnes erzählt.
Immer wieder baut die Autorin in die Erzählung „Wissensblöcke“ ein.
In diesen läßt sie Rafael Luis historische,
geographische oder kulturelle Tatsachen über Chile
erzählen. Dadurch ist Charango zum einen unterhaltsam
und kurzweilig und zum anderen mit vielen Sachinformationen
gespickt, so dass den Lesern dieses lange schmale Land
mit Sicherheit ans Herz wachsen wird.
Wenn die Mapuchen weinen und die Charango am schwarzen
Strand spielt
Wir fahren über die große Straße nach Santiago,
um wieder auf die Panamerika zu kommen. Weil wir heute viele
Kilometer nach Süden fahren wollen, bleiben wir auf
der Panamerika und müssen an vielen der „Geldtankstellen“ anhalten,
die von der Mami Geld wollen, damit wir weiterfahren dürfen.
Anhalten müssen wir natürlich auch an den richtigen
Tankstellen. Es ist ganz praktisch, dass unser Auto meistens
dann Hunger hat, wenn auch Doris-Mädchen und ich Hunger
haben. Während das Auto seinen Bauch mit Benzin gefüllt
bekommt, dürfen wir unsere Bäuche mit Hotdogs füllen.
Mamis Geldbeutel darf dann auch gleich mitessen und wird
mit neuen Geldscheinen aus dem Automatenkasten gefüllt.
Gerade als wir Lust auf frisches Obst und Gemüse bekommen,
sieht Mami einen Laden mit Obst an der Straße. Die
Frau, die das Obst und Gemüse verkauft, freut sich,
dass wir da sind und zeigt uns alles Gemüse. Bei den
Bergen aus lauter Obst dauert das lange und weil alles so
hübsch und gut aussieht kaufen wir kleine Berge aus
Obst, die uns die nette Frau in viele Tüten füllt.
Die Tüten sitzen alle bei mir hinten im Auto. Ich bin
nun der Obstmann und darf Mami und Doris-Mädchen mit
Obst füttern. Wir fahren immer weiter und weiter ohne
anzukommen. Die Anden sind an unserer linken Seite. Mal sind
sie ein bisschen weiter weg mal näher dran. Immer sehen
sie groß aus. Wie eine große Kette aus Bergen.
Ohne Unterbrechung. Jetzt wird alles grün. Kein Sand
liegt mehr herum. Dafür viele Felder und Hügel
mit Bäumen. Da wir südlich von Santiago de Chile
sind, sind wir im Süden Chiles. Da aber Chile so lang
ist, gibt es nicht einfach „ein“ Süden. Es gibt den
oberen, den mittleren, den unteren und den Süden ganz
unten. Wir fahren nun durch den mittleren Süden. Ich
muss an die Reise denken, die ich mit Mami in die Schweiz
gemacht habe. Und auch wie in Deutschland sieht es hier aus.
Auch die Luft riecht so, wie sie bei meiner Ma-Oma in Deutschland
riecht. Weil die großen Menschen so gerne vergleichen,
ist auch denen aufgefallen, dass es hier wie in der Schweiz
aussieht und deshalb haben sie einfach beschlossen, diesen
Teil des Landes die chilenische Schweiz zu nennen, obwohl
das nicht die Schweiz, sondern Chile ist. Die großen
Menschen machen sich das einfach. Klar dass es allen hier
gefallen muss, die gerne in die Schweiz oder auch in Länder
wie Norwegen oder Schweden fahren. Nur ist in Chile einfach
alles größer und wilder. Berge, Täler und
Flüsse gibt es da ohne Menschen und ohne Dörfer.
Es regnet viel und deshalb gibt es viele Flüsse voller
Wasser, die in den Anden klein anfangen und größer
werden, bis sie zum Pazifik kommen, in den sie hineinfließen.
Bekannt ist der Fluss Bio Bio. Als die großen Menschen
aus Europa kamen, wollten sie das ganze lange Land für
sich haben. Viel mussten sie kämpfen, um die anderen
Menschen zu vertreiben, die schon in dem langen Land wohnten.
Besonders viel mussten sie kämpfen, um über den
Bio Bio zu kommen, denn die Menschen, die da schon wohnten,
wollten dort auch wohnen bleiben und hatten keine Lust sich
von den Menschen aus Europa ihr Land wegnehmen zu lassen.
Die Menschen, die mit ihren großen Holzschiffen aus
Spanien kamen und meinten allen Dingen und Menschen Namen
geben zu müssen, nannten die Chilenen dort Araucanos.
Dabei hatten sich die Menschen dort schon selbst einen Namen
gegeben. Mapuchen, was Menschen der Erde bedeutet. Und Mapuchen
nennen diese Menschen sich heute noch, weil die kämpfenden
Menschen aus Europa zwar nach vielen Jahren doch über
den Bio Bio kamen und auch im Süden von Chile ihre Städte
gebaut haben, aber die Mapuchen nicht verschwinden lassen
konnten. Das Volk der Mapuchen besteht aus vielen verschieden
Stämmen, die jede ihre eigene Sprache haben. Bis heute
sprechen die Mapuchen ihre Sprache, die man nur spricht und
nicht schreibt. Trotzdem hielten sie zusammen, als die großen
Menschen aus Europa kamen, um sie zu erobern. Im Jahr 1599
waren die Mapuchen in einem Kampf stärker und die Menschen
aus Europa flohen über den Bio Bio nach Norden. Dort
sammelten sie sich, um den Fluss zu bewachen, damit die starken
Mapuchen diesen nicht überqueren konnten. Auch in den
Anden mussten sie aufpassen, denn die Mapuchen kannten viele
Wege nach Norden. Eine Stadt, die Concepción heißt,
hatten die Menschen aus den Holzschiffen von Europa schon
1550 angefangen zu bauen. Diese wollten sie nicht aufgeben
und machten diese Stadt zur Grenze zwischen dem von ihnen
schon eroberten Land und dem Land der Mapuchen. Um diese
Grenze zu bewachen, brauchten sie viele starke Leute dort,
die auf die Mapuchen aufpassten. Viele Mapuchen Opas, Papas,
Kinder und Enkelkinder wurden geboren, ohne dass sie weiter
Land abgeben mussten, weil sie stärker als die Menschen
aus Europa waren. 31 Millionen Hektar war ihr Land groß. Über
200 Jahre ließen sich die Mapuchen nicht mit Waffen
und Kämpfen vertreiben. Auch nicht mit Beten. Denn die
Menschen aus Europa brachten nicht nur Waffen mit sondern
meinten auch, die Menschen in Chile sollten an das gleiche
glauben wie sie selbst. Darum kümmerten sich die Missionare,
die behaupteten, alles was sie tun und sagen sei richtig,
weil sie doch von Gott geschickt seien. Und weil sie meinten,
alles richtig zu machen, dachten sie die anderen machen alles
falsch. Das dachten die Mapuchen nicht und hatten auch keine
Lust auf die Missionare. Denn dieses Volk der Erde wusste
schon, was es glauben wollte. Die glaubten etwas Wunderschönes
und danach lebten sie; nämlich glücklich sein und
glücklich machen. So organisierten sie ihre Familien
und passten auf die Tiere und die Natur auf, die ja auch
wie sie glücklich sein sollten.
Über dreißigmal versuchten die Menschen aus Europa
Städte oder Festungen südlich des Bio-Bio Flusses
zu gründen und hatten keinen Erfolg. Die waren da sicher
richtig sauer. Auch als ein Bernhard O`Higgins 1818 in der
Stadt Concepción rief, dass Chile nun ein unabhängiges
Land sei und große Menschen ihn deshalb bewunderten
und ihn einen Freiheitshelden nannten, ließen sich
die Mapuchen wenig beeinflussen. Auch die Natur merkte sicher,
dass die Mapuchen lieber zu ihr sind, als die „neuen“ Menschen
aus den Holzbooten, deshalb ließ sie immer wieder die
Erde so stark beben, dass die Häuser in Concepción
umfielen. Aber die Menschen, die den Mapuchen ihr Land nehmen
wollten, waren ganz schön ausdauernd. Die bauten ihre
Häuser immer wieder auf. Sogar einen König hatten
die Mapuchen. Den Orllie-Antoine der Erste. Der kam 1860
und beschloss König von Araucanien und Patagonien zu
sein. Pech für ihn, dass die Menschen, die Chile regieren
wollten daraufhin einfach das Land des neuen Königs
besetzten. Erst 1881 konnte ein Koronel Gregorio Urrutia
einen Frieden mit den Mapuchen schließen. Wahrscheinlich
mehr zu seinen Gunsten als für das Volk, dass die Natur
so lieb hat. Das hat ganz viel von seiner Natur verloren.
Heute gehören ihm nur noch etwas mehr als 500.000 Hektar.
Mami will noch weiter in den Süden und das Land der
Mapuchen fahren und hat für uns schon ein Haus ausgesucht,
in dem wir schlafen können. Hoffentlich kann ich dort
Mapuchen kennen lernen. Es ist schon spät und Mami ruft
die Leute dort an, dass sie auf uns warten sollen. Wir kommen
in ein Städtchen, dass an einem See liegt. Villarrica
heißt das. Die reiche Stadt. Ich suche die Dächer
aus Gold, weil die doch reich sind. Dachte ich, nur ist die
Geschichte mit dem Gold schon lange her. Auch hier waren
die Menschen, die Chile erobern wollten Mitte des 16. Jahrhunderts.
Weil sie Gold suchten und fanden und auch noch einen dieser
Pässe über die Anden entdecken wollten, bauten
sie eine Stadt. Die gehörte auch zu den Städten,
die die Mapuchen nicht haben wollten und deshalb ließen
sie diese einfach verschwinden und schickten die Menschen,
die aus Spanien gekommen waren, weg. Ganze 280 Jahre mußten
die Menschen aus Spanien warten, bis sie diese Stadt wieder
bauen konnten. Nun stehen da viele Häuser für viele
tausend Menschen. Die meisten recht klein und mit Gärten.
Wir fahren die Straßen hinauf und hinunter, um das
Haus zu finden, in dem wir schlafen werden. Torre Suiza heißt
das. Ein Turm also. Wir suchen einen Turm. Den gibt es schon,
aber der gehört zu der Kirche und wir schlafen nicht
in der Kirche. Doris-Mädchen fragt einen der vielen
Menschen, die hier in der Nacht auf der Strasse herum gehen.
Die wollen alle nicht schlafen, weil in Chile Sommerferien
sind. Ich schon. Ich bin so müde. Doris-Mädchen
kennt nun den Weg. Das meint sie, nur leider verwechselt
sie rechts mit links und wir fahren wieder die Straßen
hinauf und hinunter. Wie ein Gittermuster sind die Straßen
angelegt. Zwei rauf, zwei runter. Und immer wieder kommen
wir an dem Platz mit den vielen Leuten heraus. Wir müssen
nochmals fragen und finden die Straße, in der unser
Torre Suiza stehen soll. Da steht auch ein Haus mit der richtigen
Nummer, nur ohne Turm. Dafür läuft ein großer
Hund im Garten herum und bellt uns an. Mami ruft die Frau
im Haus an und sagt, dass wir da sind, aber der Hund uns
nicht hereinlässt. Die Frau kommt heraus und redet Mami
mit „señora“ an und versucht alles auf spanisch zu
erklären, dabei kann sie gar nicht so gut spanisch und
ist ganz überrascht, dass Mami deutsch kann. Die Frau
spricht ein ganz witziges Deutsch. Sie ist auch keine Deutsche
sondern Schweizerin. Der nicht vorhandene Turm ist also zumindest
tatsächlich ein Schweizer. Das Haus ist groß und
ganz aus Holz. Wir gehen eine Treppe zu unserem Zimmer hinauf,
die immer enger wird und so schön knarrt. Unser Zimmer
ist direkt unter dem Dach mit einem kleinen Fenster und einer
schiefen Zimmerdecke, an der sich Mami gleich dreimal ihren
Kopf anstößt.
Am nächsten Morgen weckt mich Anna. Die kommt einfach
in unser Zimmer spaziert. Wir haben alle noch geschlafen.
Maria nicht. Maria ist munter und redet und redet. Mich will
sie sehen, weil sie auch ein Kind ist. Ein Mädchen und
die Tochter von der Frau, der das Haus ohne Turm gehört.
Maria sagt mir gleich, dass sie auch drei Jahre alt ist.
Ich will nicht reden, weil meine Augen gerade noch geschlafen
haben. Deshalb verstecke ich mich unter dem Bett. Das ist
Maria egal. Die kriecht auch unter das Bett und redet weiter.
Keiner hilft mir. Mami verschwindet im Bad und Doris-Mädchen
kramt in ihrer Tasche. Da ruft die Mama vom Anna-Kind. Aber
das ist Maria egal. Sie redet einfach weiter. Bis ihre Mama
kommt und sie aus dem Zimmer holt. Jetzt darf ich auch ins
Bad und muss mir wie jeden Morgen das Wasser dieser Duschen
auf den Kopf prasseln lassen. Dann frühstücken
wir. Alle anderen großen Menschen, die in dem Haus übernachtet
haben, sind schon weg. Der große Tisch ist nur noch
für uns gedeckt. Viel Platz ist da und viele Stühle
stehen um den Tisch, trotzdem stehen da nur zwei Tassen und
zwei Teller. Die wollen nicht an mich denken. Vielleicht,
weil Mami ein Zimmer mit zwei Betten bestellt hat und die
sich denken, dass dann auch nur zwei Betten frühstücken
wollen. Aber den Betten ist das egal. Mir nicht. Wir drei
schlafen fast immer in zwei Betten, weil ich mich an die
Mami kuschele und wir so nur ein Zimmer für uns brauchen.
Dabei esse ich morgens nicht viel, weil ich noch nicht so
richtig wach bin und mein Hunger noch weiter schläft.
Der wacht noch später auf als ich. Heute ist mein Hunger
auch früher aufgewacht, weil auf dem Tisch ein Kuchen
steht, der lecker aussieht. Den Kuchen hat die Frau selbst
gebacken und auch das Brot. Oder die andere Frau, die in
der Küche arbeitet und spanisch redet. Jetzt kommt keine
der Frauen, um für mich ein Tässchen zu bringen,
deshalb trinke ich mit Mami zusammen aus einer Tasse und
esse meinen Kuchen von ihrem Teller. Schmecken tut das fein.
Als ich fertig bin, kommt die Frau, die spanisch spricht
aus der Küche und unterhält sich mit Mami. Die
ist nett und mag mich. Vielleicht durfte sie mir kein Tässchen
hinstellen. Die Frau wohnt in einem ganz kleinen Häuschen
im Garten von dem Haus ohne Turm und arbeitet den ganzen
Tag in dem großen Haus. Die Frau die nicht so gut spanisch
spricht auch. Die putzt jetzt die Zimmer. Die hat auch einen
Mann, der der Papa von der Maria ist. Die beiden sind ohne
Maria nach Chile gekommen. Vor sieben Jahren und da gab es
die Maria noch nicht, weil die erst drei Jahre alt ist. Vorher
sind die beiden mit ihren Fahrrädern um die ganze Welt
gefahren. Jetzt wohnen sie in dem Haus ohne Turm und haben
viel Land gekauft, auf dem sie Lamas wohnen lassen. In einem
dicken Buch haben sie geschrieben, was sie während ihrer
großen Reise mit dem Fahrrad erlebt haben. Mami ließt
mir daraus vor und ich glaube die beiden haben sich richtig
anstrengen müssen. Nun wollen sie wieder ganz weit mit
dem Fahrrad fahren. Durch ganz Brasilien. Sicher wollen sie
dort auch den Zuckerhut ohne Zucker und Hut besuchen. Maria
wollen sie mitnehmen und in einem Korb auf Rädern an
ein Fahrrad anhängen. Da wird sie ganz schön geschüttelt
und kann nicht mehr so viel reden. Auf jeden Fall brauchen
die Mama und der Papa von der Maria kein Radio, weil die
so viel redet. Die Mama von der Maria findet das Kind zu
dick. Dabei ist Maria nicht dick sondern so schön knuddelig. Überhaupt
bin ich nun richtig wach und mag Maria gerne, weil ich, wenn
ich wach bin, auch viel rede. Wir machen das Radio ganz laut
und tanzen. Dann muss ich ein bisschen böse werden,
weil Doris-Mädchen mit Maria tanzt. Ich will nicht zu
dritt tanzen. Doris-Mädchen gehört doch mir und
nicht der Maria. Und wie mein Doris-Mädchen tanzen kann.
Die kann ihren Bauch wie ein Karussell drehen und mit dem
Pops hin und her wedeln. So wie das die Tanzmädchen
im Fernsehen machen. Dann bin ich nicht mehr böse und
wir probieren die Hüte von der Maria an. Leider darf
die Maria nicht mit uns zusammen einen Ausflug machen.
Wir wollen zu einem See fahren. Der heißt Calafquen
und ist kleiner als der See Villarrica. Vorher halten wir
an einem kleinen Supermarkt an, der direkt neben der Straße
ist. Eigentlich ist meine Mami wie das Anna-Kind. Die redet
auch mit allen möglichen Leuten. Wenn diese nett sind,
redet Mami viel zu lange mit denen. Und da fast alle Menschen
in Chile so nett sind, redet Mami während Doris-Mädchen
und ich warten und andere Sachen machen, weil wir immer etwas
zum anschauen oder spielen finden. Im Supermarkt sind eine
Frau und ein Mann. Mami sagt denen, dass sie Lust auf Empanadas
hat und schon bringt die Frau frische und noch warme Empanadas
und Mami freut sich. Der Mann bringt uns Limonaden und Früchte
und die Frau sucht für mich die Kekse mit den Schokostückchen
drin, die ich so gerne mag. Dann tragen die beiden die Tüten
zu unserem Auto und wir fahren weiter nach Lican Ray, einem
Dorf, das an dem See Calafquen liegt. Das Dorf besteht aus
ein paar Häusern, die zum Urlaubmachen im Sommer gebaut
wurden. Die Menschen, die über Chile bestimmen, schenkten
vor ein paar Jahren anderen Menschen Land, damit diese da
Häuschen für den Sommer bauen. Und als da mehr
Häuschen waren, bauten sie eine Straße. An der
Straße entlang gibt es viele Häuser, in denen
Möbel aus Holz verkauft werden. Die sind hübsch
und hier gibt es viele Bäume. Wir nehmen ein paar Kinder
mit, die mit ihren Badehosen auch zum See wollen. Der See
ist fast so blau wie der Himmel und sieht freundlich aus.
Aber der Strand ist nicht freundlich. Der will mich ärgern,
piekst meine Füße und verbrennt sie fast. Denn
statt mit weichem, weißen Sand belegt zu sein, so wie
ich das von Mallorca gewohnt bin, ist dieser Strand hart
und schwarz. Richtig schwarz. Ich habe noch nie einen schwarzen
Strand gesehen. Der ist nicht schmutzig, sondern so schwarz
wie ich weiß bin. Weil die Sonne auf den schwarzen
Strand scheint, meint der nun, wie ein Ofen heiß werden
zu müssen. Als ich mich an das Pieksen und Brennen der
heißen schwaren Steinchen gewöhnt habe und wir
uns ein Plätzchen für unsere Handtücher ausgesucht
haben, merke ich, dass der Strand gar nicht unfreundlich
zu mir ist. Der ist einfach anders als die Strände die
ich kenne. Der Ofenstrand wärmt uns nämlich. Vor
allem, wenn wir uns direkt auf die schwarzen Steinchen legen.
Wenn man liegt, pieksen die auch nicht mehr und weil nun
von irgendwoher ein Wind gekommen ist, der die Luft kühl
macht, sind die warmen schwarzen Steinchen herrlich. Wir
schwimmen im See und das Wasser ist so sauber, dass ich es
trinken darf. Dann machen wir unser Picknick. Immer mehr
Leute kommen an den Strand. Der schwarze Strand ist mit vielen
bunten Handtüchern bedeckt. Dann kommen Frauen, die
Spielsachen verkaufen. Bunte Luftballons, bunte Eimer, bunte
Schwimmringe. Die bunten Sachen sind an Holzstäbe gebunden
und die tragen die Frauen umher. Dann kommen Männer,
die Körbe tragen. Darin sind Sachen zum Essen. Süße
Kuchen und Popcorn. Das ist ein Treiben wie auf dem Jahrmarkt
und wir liegen mittendrin. Mami verschwindet im Wasser und
ich denke schon, sie kommt nie mehr wieder. Vielleicht denkt
sie, sie sei nun ein Fisch. Aber dann beschließt sie,
doch kein Fisch zu sein und kommt wieder aus dem Wasser heraus,
um sich auf die warmen Steine zu legen. Ich höre Musik
und die kommt zu uns. Das ist ein Papa mit seinem Kind. Die
spielen beide auf einer Charango und singen dazu. Wunderschöne
Lieder, die ich noch nie gehört habe. Ganz hohe Töne
singt das Kind, das ein Junge ist. Schwarze Hüte haben
die beiden auf und singen sich zu. Mal der Papa, mal das
Kind und beide zusammen. Die Charangos sehen aus wie kleine
Gitarren. Nur haben die dickere Bäuche. Die beiden haben
ihre Charango sicher sehr lieb, weil sie die so an sich herandrücken.
Da wo das Herz ist. Vielleicht klingen die Charangos deshalb
so schön, weil das Herz mitsingt. Die Charango spielen
in Chile viele Menschen, die in den Bergen leben. Und viele
Menschen im Norden.
Überhaupt machen die Menschen in Chile viel Musik und
völlig unterschiedliche. Die großen Menschen und
die Kinder kennen viele Lieder und singen die. Singt einer,
können alle mitsingen. Und die, die so schön die
Instrumente spielen können das so, ohne Noten. Während
die großen Menschen aus Spanien Chile erobert haben,
wollten sie nicht nur kämpfen. Deshalb brachten sie
nicht nur Waffen, sondern auch Instrumente wie die spanischen
Gitarre mit. Diese sind dann in Chile mit den Menschen geblieben
und immer mehr geworden. Auch schon vor den erobernden Menschen
wurde in Chile getanzt, weil das Tanzen ganz wichtig für
ihre Religion und ihr Leben war. In den vielen Jahren haben
die Menschen das, was es schon gab mit dem was mit den Schiffen
hergebracht wurde gemischt und neue Instrumente und Lieder
erfunden. Heute gibt es deshalb eine typische chilenische
Folklore, zu der viele verschiedene Instrumente, Lieder und
Tänze gehören und die alte Musik, die die Menschen,
die schon immer in Chile gelebt haben, nicht vergessen und
die heute noch so ist, wie sie vor vielen hundert Jahren
war. Bei dieser alten Musik spielen die Menschen auf Instrumenten
die Luft brauchen, damit Töne herauskommen. Die sind
aus Holz, Steinen und hohlen Rohren gemacht. Da gibt es Flöten,
die rund sind mit zwei Löchern oder aussehen wie Pfeifen,
aus denen große Menschen rauchen. Alle haben einen
eigenen Namen bekommen. Die Quena ist aus einem hohlen Rohr
gemacht, in das fünf Löcher gebohrt wurden und
mag nicht mit anderen Instrumenten zusammen klingen. Die
will alleine gespielt werden und mag auch nicht so gerne
auf Feste, sondern lieber irgendwelche spirituellen Sachen.
Die Charango ist nicht so kompliziert. Die klingt alleine
schön und zusammen mit anderen Instrumenten auch. Die
alten Instrumente haben sogar konkrete Aufgaben. Die einen
werden gespielt, wenn die Menschen Religion machen, andere
spielen sie bei Festen und wieder andere für irgendwelche
Zeremonien. Die Instrumente, die aus Spanien kamen, brauchen
für ihre Töne Saiten. So wie die Gitarre oder die
Geige.
Schade, dass der Papa und das Kind mit ihren Charangos
weiter gehen. Ich laufe hinterher und muss schnell anhalten
und in die andere Richtung laufen, weil es da schon wieder
Musik gibt. Nun sind Kinder gekommen. Die trommeln. Das
sind keine Trommeln aus Blech. Die haben die Trommeln aus
Baumstämmen
gemacht. Damit diese richtig trommeln, haben sie die Baumstämme
ausgehöhlt und über das Loch ein Fell gespannt,
und bevor sie das Fell festmachten, haben sie noch ein paar
Steinchen oder Körner hineingefüllt, damit das
besonders hübsch klingt. Das sind typische Mapuche-Trommeln,
die diese Kultrún nennen. Die Kinder machen auf ihren
Kultrúns richtig Musik und trommeln so fröhlich
vor sich hin, dass immer mehr Leute zuhören wollen und
einen großen Kreis um die Kinder bilden. Ich sehe die
Kinder nicht mehr und steige auf einen Baum. Da sitze ich
nun und komme nicht mehr herunter und meine Mami soll mich
retten. Aber weil Mami auch die Kultrún trommelnden
Kinder hören will, lässt sie mich einfach auf dem
Baum sitzen. Zum Glück hören die Kinder auf. Sonst
hätte mich Mami wohl auf dem Baum vergessen, da sie
so begeistert zuhört.
Heute wollen wir abends in dem Haus ohne Turm kochen.
Doris-Mädchen
und ich wollen Spaghetti. Mami macht das gerne und die Küchen
in den Häusern, in denen Menschen schlafen, die wie
wir herum reisen, sind interessant, weil sich da die Leute
treffen, sich viel erzählen und Mami sich wieder mal
viel unterhalten kann. Diesmal muss sich Mami nicht viel
unterhalten, weil die Maria schon auf uns gewartet hat und
uns viel erzählt. Maria will auch Spaghetti essen und
kocht mit uns. Wir sitzen schon am Tisch, als der Papa von
der Maria kommt und sagt, dass sie nicht mitessen darf. Die
Arme. Die muss nun alleine in ihrer großen Küche
essen, nur weil der Papa nicht will, dass sie mit fremden
Leuten isst. Dabei sind wir nicht fremd. Die Maria kennt
mich schon und ich die Anna. Die großen Menschen machen
das doch wirklich kompliziert. Die Spaghetti mit der roten
Tomatensoße sind lecker. Weniger lecker ist der weiße
Ziegenkäse, der schon wieder auf dem Tisch liegt. Jeden
Tag essen Doris-Mädchen und Mami von dem bleichen Käse
und immer noch ist ein großes Stück übrig
und immer noch finden Doris-Mädchen und Mami diesen
Käse lecker.
Nun will ich freiwillig ins Bett gehen und Mami überraschen.
Aber sie überrascht mich. Ich darf nicht ins Bett gehen,
sondern muss mich hübsch anziehen, weil wir noch spazieren
gehen wollen. Ich nicht, die anderen schon. Also muss ich
mit. Wir gehen durch die Straßen und kommen auf eine
große Straße, auf der viele Kinder herumlaufen,
die sicher auch schlafen wollen, aber so wie ich ihre Mamas
begleiten müssen. Überall verkaufen große
Menschen Sachen. Wir gehen in den „Mercado artesanal de los
Mapuches“. Das ist ein Markt, in dem Mapuche-Menschen Sachen
verkaufen, die sie selbst gemacht haben. Ich bin neugierig
auf die Mapuchen. Die kämpfen jetzt auch nicht mehr
sondern sitzen friedlich bei ihren Sachen. Ganz liebe Menschen
finden wir da und die können tolle Sachen machen. Das
sind richtige Künstler. Eine Frau macht aus Haaren von
Pferden kleine bunte Schmetterlinge. Die sehen so fein und
zierlich aus und sind gleichzeitig so fest, weil die aus
den robusten Pferdehaaren gemacht sind. Dann gibt es unendlich
viele Sachen aus Holz. Schalen, Löffel, Bilder und vieles
mehr. Ich bekomme meine Schlange Tina. Die ist ganz lang
und bunt und sieht aus wie eine echte Schlange. Tina kann
auch so schlängeln wie eine echte Schlage, obwohl sie
aus Holz gemacht ist. Das können die Mapuchen sicher
so gut, weil sie die Natur so lieb haben und deshalb wissen,
wie sie tolle Sachen mit der Natur machen können. Vor
allem die Mapuchen Frauen sind da so geschickt, weil sie
schon immer viel mit ihren Händen in ihren Rucas gearbeitet
haben. Rucas nennen die Mapuchen ihre Häuser, in denen
sie leben und früher haben manche Mapuchen sogar drei
Rucas zum Wohnen gehabt. Eine Ruca zum Schlafen, eine zum
Kochen und eine zum Sachen Aufbewahren und Hüten der
Kinder. Die Mapuche Frauen machen viele Sachen. Die hüten
ihre Mapuchen Kinder und machen das Essen. Die Sachen zum
Essen bauen sie in ihren kleinen Gärten an und dort
halten sie auch kleinere Tiere. Wenn sie sich um das alles
gekümmert haben und sich ausruhen wollen, dann setzen
sie sich hin , arbeiten mit ihren Händen und machen
aus der Wolle der Schafe richtige Wollfäden, mit denen
sie warme Pullover und die schönen bunten Ponchos stricken.
Die Mapuche Frauen können auch Töpfe und Schüsseln
aus Ton machen. Der Chef vom Ruca-Haus ist der Mann der Mapuchen
Frau. Der geht tagsüber weg zum Arbeiten auf den Feldern
oder mit den Pferden. Außerdem sind es die Männer
der Mapuchen Frauen, die die Schlange Tina aus dem Holz machen
können und die Kultrún-Trommeln, auf denen die
Kinder getrommelt haben. Die Mapuchen machen auch besonderen
Schmuck aus Silber. Solche Ketten habe ich noch nie gesehen.
Die haben große Anhänger mit Figuren. Am besten
gefällt mir meine Schlange Tina, die mit uns kommen
darf.
Viele Menschen gehen nun die Straße hinauf. Wir gehen
mit, weil die sicher wissen, weshalb sie alle in die selbe
Richtung gehen. Wir wissen es nicht, sind aber neugierig.
Zusammen mit den vielen Menschen kommen wir zu einem Platz,
auf dem noch mehr Menschen stehen. Ich sehe nur noch Beine,
deshalb darf ich ganz nach vorne gehen. Auf dem Platz stehen
zwei Männer und reden. Das muss wohl lustig sein, was
die reden, weil die Menschen lachen. Manchmal finde ich das
auch lustig, aber die reden von Politik und von Wirtschaft
und davon verstehe ich nichts aber einer der Männer
bewegt sich so lustig, dass ich auch lachen kann. Manchmal
fragen die Männer auch die Leute, die zusehen. Und dann
fragt der Mann, was die „Argentina rubia“ meint. Alle drehen
sich um. Wir suchen auch die „Argentina rubia“und kapieren
nicht, dass der Mann die Mami meint. Das können wir
auch nicht kapieren, weil meine Mami gar nicht richtig blond
ist und auch keine Argentinierin. Aber der Mann will mit
der „Argentina rubia“ reden und besteht darauf, das das die
Mami ist. Also macht Mami mit und die beiden lachen noch
viel mehr als die anderen Leute.
Lese
jetzt weiter in Charango von Dagmar Riefler.
Copyright
Dagmar Riefler, Charango, LIThaus Edition, Berlin.
|