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Hilfsprojekt, Cruz del Eje, Argentinien

von Fabiola Weißhar (Deutschland)

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Argentinien

Argentinien ist ein Land mit über 37 Mio. Einwohnern, von denen über 50 % unterhalb der Armutsgrenze leben. Das bedeutet, dass diese Menschen nicht eine regelmäßige Mahlzeit zu sich nehmen. Die schon jahrzehntelang andauernde Wirtschaftskrise und die korrupten Regierungen haben das Land in eine schwerwiegende Krise gestürzt.

Gerade in Entwicklungsländern prallen Gegensätze zwischen arm und reich sehr stark aufeinander! Neben den mit „allem, was das Herz begehrt“ voll gestopften Einkaufszentren, betteln Straßenkinder ums bloße Überleben. Vor allem in den Armenvierteln, den so genannten „Villas“, die sich meist am Rande der Städte befinden, ist die Lage katastrophal. Die Kinder und Jugendlichen, die in diesen Vierteln aufwachsen, haben selten die Möglichkeit, regelmäßig eine Schule zu besuchen oder einen Beruf zu erlernen, da sie für die Versorgung der Familie mitverantwortlich sind.

Cruz del Eje

Cruz del Eje, eine Stadt ca. 150km nördlich von Cordoba Capital, war bis in die 70-er Jahre das wichtigste Eisenbahnerzentrum Argentiniens und ein florierendes Städtchen mit touristischer Infrastruktur. Es gab riesige Werkstätten, in denen die Eisenbahnen des ganzen Landes auf Vordermann gebracht wurden; bis vor ca. 30 Jahren einige unfassbare politischen Entscheidungen getroffen wurden: Zunächst wurde die Eisenbahngesellschaft privatisiert, was die Schließung der Werkstätten und somit den Abbau vieler Arbeitsplätze zur Folge hatte. Fast die ganze Stadt verlor ihre gesicherte Lebensgrundlage. Als dann auch noch die Zugstrecke dicht gemacht wurde, war die Stadt völlig abgeschlossen. Diejenigen, die inzwischen außerhalb von Cruz eine neue Arbeit gefunden hatten, hatten plötzlich keine Möglichkeit mehr, zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen. Auch Handel war plötzlich unmöglich, da es das heute existierende Überland-Bussystem erst Jahre später gab.

Somit war das Schicksal Cruz's besiegelt!

Inzwischen lebt ein großer Teil der Einwohner Cruz's in den Armenvierteln. Die meist sehr kinderreichen Familien wohnen in selbst zusammen gezimmerten Hütten, einige in Autos oder ausgebrannten, fensterlosen Bussen ohne fließendes Wasser inmitten von Kloaken. Strom haben sie nur, wenn sie illegal die städtischen Starkstromkabel anzapfen, was ein lebensgefährliches Unterfangen darstellt.

Die Situation ist unfassbar!

Viele Familien besitzen nicht einmal das absolut Nötigste: So begegnet man in den Straßen vielen ausgehungerten, kaum bekleideten, schmutzigen Kindern. Die Eltern, häufig Trinker, kümmern sich nicht und leben lethargisch in den Tag hinein.Die Opfer der Misere sind wie immer die Jüngsten. Schon in jungen Jahren werden die Kinder von ihren Eltern zum Betteln geschickt. Nicht selten bekommen sie von den Eltern beigebracht, in komisch „verrenkter“ Haltung zu betteln, um mehr Mitleid zu erregen. Entsprechend deformieren sich ihre Körper mit der Zeit.

Für die Mädchen ist die Geldbeschaffung noch schwieriger. Häufig haben sie keine andere Wahl, als sich zu prostituieren. In Cruz findet man 10-11- jährige Mädchen auf dem Kinderstrich, die für umgerechnet nicht einmal 5 Euro ihren Körper verkaufen. Sie haben aufgrund der Unterernährung den Körperbau von 8-jährigen.

Zudem ist das Leben auf der Straße gefährlich. Es sind nicht nur die ständig stattfindenden Bandenkämpfe…Um ihrer hoffnungslosen Situation und den erdrückenden Problemen wenigstens zeitweise zu entkommen, geraten viele Kinder in die „Fänge“ zerstörerischer Billigdrogen (wie z.B. Schusterklebstoff). Die wenigsten der Kids besuchen regelmäßig oder überhaupt eine Schule.

Arte y Pan

Tango, Evita, Che, Diego Maradona, Patagonien, Feuerland... das sind vermutlich die ersten Dinge, an die man denkt, wenn man von Argentinien hört. Doch wie jedes Land Südamerikas hat auch Argentinien viele Gesichter.

Während meiner ersten Wochen in Argentinien ergatterte ich einen Job beim Fernsehen und wunderte mich vor allem über die seltsame Berichterstattung. Häufig wurden unsere brisanten, in den Armenvierteln Cordobas aufgezeichneten Nachrichten, einfach unter den Teppich gekehrt und Anschuldigungen, die gegen Politiker und Gouverneure erhoben wurden, ging man nicht nach. So beschloss ich, meine Jobsuche auf die Stadtteile zu verlagern, die von „Otto Normalverbraucher“ sonst vorzugsweise gemieden werden. In den Armenvierteln lernte ich ein 2. Gesicht Argentiniens und den täglichen Überlebenskampf eines großen Teils von Argentiniens Bevölkerung kennen. Doch trotz erschreckender Armut begegnete ich einer unglaublichen Gastfreundschaft und Dankbarkeit und erlebte die Freude und das Glück der Menschen über klitzekleine Dinge… etwas, das vielen von uns inzwischen leider fremd geworden ist.

Ich arbeitete in 4 Städten mit Straßenkindern, denn wie immer sind die Kinder die eigentlichen Leidtragenden. Obwohl es an vielen Orten inzwischen „comedores“ (Kantinen) gibt, in denen zumindest die Jüngsten ein Mal am Tag eine warme Mahlzeit bekommen, stellte ich fest, dass zwar ihr Hunger nach Essen notdürftig gestillt wurde, nicht jedoch ihr Verlangen nach Liebe und Zuwendung. Leider kümmern sich die Eltern kaum um ihre Kinder und da diese für den Lebensunterhalt ihrer Familie mitverantwortlich sind, treiben sie sich auf der Suche nach Essbarem und Geld in den Straßen herum. Zu oft jahrelanger Schulabstinenz kommen die fehlenden Perspektiven, die Langeweile und nicht selten der Kontakt mit Drogen.

Zurück in Deutschland kam mir Vieles so fremd und unecht vor, „Probleme“ so nichtig, aber vor allem gingen mir meine kleinen Freunde und ihre erdrückende, perspektivenlose Situation nicht aus dem Kopf, die ich im letzten Herbst in Argentinien zurückgelassen hatte. So beschloss ich mit der Unterstützung einiger lieber Freunde „Arte y Pan“ („Kunst und Brot“) zu gründen.

Gemeinsam werden wir für eine bessere Zukunft der Straßenkinder kämpfen, indem wir ihnen mit Freizeitangeboten, wie Workshops etwas Licht in ihren tristen, grauen Alltag bringen wollen. Für einige Stunden sollen sie der Hoffnungslosigkeit und der häufig vorherrschenden Gewalt entfliehen können und eintauchen in eine bunte Welt der Fantasie, des Malens, des Theaters... Wünsche und Träume werden zum Leben erweckt. Schön wäre es, wenn wir einige von ihnen zu einem regelmäßigen Schulbesuch motivieren könnten und/oder es schaffen, dass sie der Straße ganz den Rücken kehren. Doch bis dahin ist es noch ein langer, langer Weg!


Tagebuch

15. Oktober 2005

Am 3. Oktober sollte es dann wirklich losgehen. Es ist schon verrückt, denn schließlich hatte ich seit einem Jahr alles drangesetzt, wieder nach Argentinien zu fliegen, um dort für die Straßenkids in Cruz del Eje da zu sein. Doch blieb es bis zur allerletzten Minute spannend und wir wussten nicht, ob wir einen der heißbegehrten Jumpseatplätze im Flieger ergattern würden. Wir hatten ein Hammerglück und einige Stunden später landeten wir dann tatsächlich in Sao Paulo und es lag nun nur noch eine 87 Stunden und 50-minütige Busfahrt vor mir, bis ich am 7. Oktober endlich in Cruz del Eje angekommen bin. Hermana Teresa (von der Fundacion Maria Esperanza), in deren Comedores wir mit den Kids arbeiten, hatte mir angeboten, vorübergehend in ihrem Haus in San Marcos Sierras (einem Dörfchen in der Nähe von Cruz) zu wohnen und so wurde ich dort mit ganz vielen „besitos“ herzlich empfangen!

Letzte Woche veranstaltete ich dann erst mal ne 2-tägige (!!!) Materialjagd in Cordoba. Dabei musste ich meine europäischen „Einkaufskenntnisse“ erst mal komplett über Bord werfen und kreativ vorgehen: denn wer erwartet schon, dass in einem riesigen Lampenladen, der bis ins letzte Eck mit Lampen vollgestopft ist, keine dazugehörigen Glühbirnen verkauft werden. Oder, dass Acrylfarben zwischen Hosenknöpfen, Plastikrosen und Stoffrollen zu finden sind, oder dass Verlängerungskabel selbst zusammengebaut werden und es das dazugehörige Material in der Ferreteria (im Eisenwarengeschäft) gibt.

Inzwischen war ich natürlich auch in den Comedores, um zu schauen, was sich in der Zwischenzeit so alles verändert hat und natürlich auch, um mit den Menschen dort zu reden und um einen „Zeitplan“ für die „Actividades“ zu erstellen. Durch die Gespräche mit den Kindern und Frauen war ich wieder gefangen. Gefangen von der Situation, die ich zwar schon kannte, aber die ich wieder intensiv zu spüren bekam. Was mir wieder klar wurde, ist, dass eine Veränderung / Verbesserung der Situation der Kids ein Kampf gegen ein ganzes System sein wird:

In der Politik ist während der letzten Jahre hier Vieles schief gelaufen: Die Politiker sind nicht wirklich an einer Verbesserung der Situation und Ausbildung der Menschen in den sog. „Villas“ (Armenvierteln) interessiert, denn nur so haben sie sie „in der Hand“ und können deren Wählerstimmen erkaufen (in Argentinien wie in vielen anderen Ländern Südamerikas gilt: wer am meisten Geld für den Wahlkampf (die Sponsoren kommen häufig aus Nordamerika) bzw. für Geschenke an die Armen hat, der gewinnt die Wahl. So fahren die Politiker vor den Wahlen mit riesigen Lastkarren in den „Villas“ vor und verteilen z.B. Matratzen und – bereits ausgefüllte - Wahlzettel. In der Nacht vor den Wahlen organisieren sie Feste mit Freibier & Wein für das ganze Viertel und schwingen Wahlreden mit großartigen Versprechen! Der Politiker, der die größten und besten Geschenke verteilt, gewinnt, da ein Großteil der Bevölkerung in Villas wohnt.

Durch sogenannte „planes de hogar / de trabajo“ (Arbeitsprogramme) etc. erhalten die Menschen Geld (i.d.R. 150 Peso = ca. 50 EUR), teils (je nach Provinz) ohne dafür arbeiten zu müssen.

Durch diese „Politik des Gebens“ und „des Kaufens der Wählerstimmen“ hat sich in den Villas ein „Bewusstsein des Nehmens“, entwickelt und es ist schwer, die Menschen zum Arbeiten zu bewegen. Erschwert wir dies in einer Gegend wie Cruz del Eje noch zusätzlich, da es kaum Arbeitsplätze, also weder Industrie noch Tourismus gibt und da Landwirtschaft aufgrund der Trockenheit so gut wie unmöglich ist. Es regnet hier oft monatelang nicht; inzwischen hat es wohl bereits seit 7 Monaten nicht mehr geregnet. Die Dörfer und Städte nutzen das Wasser der Flüsse in der Region, doch sind diese häufig so gut wie ausgetrocknet und deshalb wird das Wasser und die Stromversorgung für mehrere Stunden am Tag abgestellt. Noch schlimmer sieht es mit der Wasserversorgung auf dem Land und in den Armenvierteln aus.

Doch abgesehen von den politischen und geologischen Gegebenheiten, findet man in den einzelnen Vierteln auch jede Menge Probleme vor... Sichtbare (denn manchmal landet die Faust oder das doppelt gewickelte Kabel in Gesichtsnähe oder am Arm und hinterlässt dort seine Spuren) und Unsichtbare! Noch machtloser fühlt man sich bei Dingen, die hinter verschlossener Tür passieren und von denen man nur ahnt.

Erst gestern erzählte mir ein Bekannter von den Mädels - sie mögen vielleicht 12 Jahre alt sein; blutjung also und bildhübsch - die sich jeden Abend an der Tankstelle, an der wir vorbeifuhren, den Männern anbieten. Jungs bieten teils ihre Schwestern, Freundinnen oder sich selbst an. Für die Mädels und Jungs ist es „plata dulce“ („süßes“ oder leichtverdientes Geld, „ohne dafür arbeiten zu müssen“), denn pro Freier kassieren sie 15-20 Peso (ca. 5-7 EUR). In guten Nächten kommen sie so auf bis zu 100 Pesos, was für die „Kinder“ unglaublich viel Geld ist. Die Risiken, wie ansteckende Krankheiten und die Hilflosigkeit brutalen Freiern gegenüber, verdrängen sie.

Schläge, Prostitution, Drogen... 11/12-jährige Mütter (Vater unbekannt, oft es ist der Eigene oder ein Onkel oder Bekannter), lieblose Eltern, Geldsorgen... die Probleme sind immens! Es ist schwer, die bestehenden Strukturen in den Vierteln aufzubrechen. Sie sind vergleichbar mit einen Kristall, den es gilt, ganz, ganz vorsichtig zu zerbrechen - ohne ihn dabei vollständig zu zerstören. Oft stoße ich auf eine Mauer des Misstrauens und der Unsicherheit, die sich wohl nur sehr langsam und mit viel Sensibilität abbauen lässt. Ich versuche deshalb, mich zu integrieren und mich so gut es geht, an das Leben in den Vierteln anzupassen und sei es nur durch meine Kleiderwahl: So versuche ich, mich möglichst schlicht zu kleiden. Das mögen Details sein, aber es ist ein Detail weniger, das mich von den Menschen hier unterscheidet!

Inzwischen habe ich einen Plan ausgearbeitet, um in 6 Comedores präsent sein zu können. Denn auch wenn die Probleme in den Villas unüberwindbar erscheinen, bin ich überzeugt, dass es den Kindern nicht nur an Zuneigung fehlt, sondern v.a. an Hoffnung. Für sie scheint es, als würde ihr Leben aus einer Einbahnstraße bestehen, an der es keine Abzweigungen gibt. Und gerade deshalb ist es wichtig, sie zu begleiten und ihnen Möglichkeiten aufzuzeigen.

Dass Hoffnung fast wichtiger ist als Nahrung, habe ich letzten Sonntag wieder gesehen:

Mit einer Boyscoutgruppe (Pfadis) zusammen habe ich einen neuen Wohnraum für „los flacos“ (die Dünnen) gebaut. Den 4 Geschwistern (die nur aus Haut und Knochen bestehen) war eine Wand ihrer Küche eingestürzt und sie selbst waren physisch nicht in der Lage, diese aus eigenen Kräften wieder aufzubauen. Als wir das neue Häuschen fertig hatten, das die „flacos“ nun doch als Schlafraum nutzen wollten, machten wir uns ans Ausräumen und Putzen des vorherigen Schlafzimmers, das nun die neue Küche werden sollte. Als wir schließlich die Töpfe, Teller etc. aus der alten Küche in die Neue transportieren wollten, stießen wir auf Töpfe und Kartons voller Lebensmittel und wir mussten sogar eine Menge davon entsorgen, da sie abgelaufen waren. Unsere Motivation ist von Topf zu Topf, von Karton zu Karton merklich geschrumpft, da wir alle der Meinung gewesen waren, dass wir 4 ganz armen Geschwistern helfen würden! Wir dachten, dass sie so arm sind, dass sie sich nicht mal das Nötigste zu essen kaufen können. Die „flacos“ jedoch bekommen jeden Monat ein Essenspaket vom Staat und hätten eigentlich dieses Essen nur zubereiten müssen, um Kraft zum Leben zu haben.

Mich hat die Geschichte der 4 sehr bewegt und so habe ich nach Erklärungen gesucht, um verstehen zu können, wie es so weit kommen konnte und weshalb sich die 4 in einer so hoffnungslose Lage befinden. Beim Aufräumen war ich auf alte Fotos gestoßen, auf denen die ganze Familie, die Kinder in Schuluniformen und Verwandte abgebildet waren und auf einem Bilder war Pablo als Matrose zu sehen. Er erzählte mir dann mit glänzenden Augen, dass er damals – so mit 20 - sogar in den USA war. Damals, als die Eltern noch lebten. Damals hatten sie viele Tiere und waren eine angesehene Familie gewesen, doch mit dem Tod der Eltern scheinen auch die „Kinder“ gestorben zu sein. Für die 4 Geschwister (die zwischen 39 und 50 Jahre sind) ist damals alles zusammengebrochen und sie hatten keine Kraft mehr, zu leben.

Es ist wie ein Wunder... irgendetwas scheint sie über die Jahre hinweg trotz allem am Leben gehalten zu haben. Vielleicht war es der Glaube und die Hoffnung, dass irgendwann Jemand zu ihnen kommt (die 4 flacos leben total abgelegen von der Ruta auf dem Land) und ihnen Mut macht.

Im Augenblick scheinen sie die Welt wie mit geschlossenen Augen zu sehen - schwarz. Es muss wunderschön sein, wenn sie irgendwann die Augen „öffnen“ und plötzlich wieder wahrnehmen, wie schön das Leben und die Welt ist. Ich werde die flacos öfters besuchen, ihnen Geschichten erzählen, für sie kochen und ihnen zuhören. Vielleicht helfen schon Besuche, dass sie sich nicht mehr so alleine fühlen und zum 2. Mal sehen lernen.

20. Oktober 2005

Ich bin nun seit ner guten Woche in den Comedores unterwegs und spiele, singe und male mit den Kindern. Da mir wichtig ist, nicht nur mit den Kindern zu arbeiten, sondern auch ihr Umfeld – Familie, Barrio, Freunde etc. – kennen zu lernen, bin ich immer 1-2 h vor unseren Treffen im Viertel unterwegs... ich lade die Kinder ein, stelle mich vor, rede mit den Eltern, Omis und Opis. Meist komme ich dann mit einer ganzen Kinderschar am Comedor an.

„Barrio la Feria“: Es ist schon verrückt, wie viele Menschen (Kinder) aus einem Wellblechverschlag kommen können, die da tatsächlich alle wohnen (bei uns wäre der Schuppen wohl nicht mal fürs Holz gut genug).

Auf dem Land (in "San Nicolas") sind die Kids – im Vergleich zu den Vierteln in Cruz – noch „sano“ ("gesund", d.h. klar gibt's Alkoholprobleme, aber man merkt, dass noch Werte existieren). Natürlich sind sie - wie Kinder halt so sind - aufgedreht, sie prügeln sich auch mal, aber sie sind ganz arg lieb und brauchen sehr viel Aufmerksamkeit und „carino“ (Zuneigung).

In „La Feria“ ist das alles ganz anders. Ich wusste ja schon von den zerrütteten Familien, den Alkoholproblemen, den prügelnden Vätern und den hilflosen und überforderten Müttern, von denen mir die Frauen im Comedor erzählt hatten, aber es war schon hart zu sehen, welche Auswirkungen das auf die Kids hat: Wie aggressiv z.B. schon ganz kleine Mädels sind. Man sieht so richtig die Wut oder fast schon den Hass in den Augen der Kleinen, während sie auf Jemanden einprügeln. Eine Mama z.B. wollte ihre Kids nicht zu unserem Treffen in den Comedor schicken, weil sie meinte, dass sie sich nicht benehmen und sich nur prügeln würden. Ich wollte, dass sie trotzdem kommen, denn dazu sind wir ja da. Es ist unglaublich, dass die Eltern schon mit ihren kleinsten Kindern nicht mehr zurecht kommen. Aber es ist auch klar. Z.B. weiß ich von einer Familie: Die Mutter hat 5 Kinder von mindestens 2 Vätern und ihr neuer Mann trinkt und prügelt die ganze Familie, am meisten natürlich die Kinder, die vom andern Vater sind. Außerdem beschimpft er die Frau mit allem nur Möglichen vor den Kindern. Es ist doch ganz klar, dass die Kleinen als erstes - statt „Mama“ und „Papa“ - "du alte Hure" und "dreckige Schlampe" sagen können und dass es für sie normal ist, dass man sich mit den Fäusten unterhält. Im Comedor war die Horde dann ganz schön anstrengend (es waren aber auch 60 - 70 oder mehr). Es war aber interessant zu sehen, wie sie (v.a. ein paar Jungs, die schon ein bisschen älter waren) mich erst provozieren wollten und nur Quatsch gemacht und die Anderen geärgert haben, um auch ja aufzufallen und wie sie dann poco a poco (langsam) „zahmer“ wurden. Ich habe richtig gemerkt, wie sehr sie Aufmerksamkeit und Zuneigung brauchen. Irgendwann kamen eben diese Jungs zum Kuscheln und jeder von ihnen hat mir zum Abschied mindestens 10 Küßchen auf die Wange gegeben (hier küsst man sich ja zur Begrüßung und zum Abschied). Ständig kamen sie nochmal, sagten „Chao“. Die überforderten Mütter gröhlen sich den ganzen Tag über die Seele aus dem Leib, um die Rasselbande zurecht zu weisen. Warum nehmen sie ihre Zwerge denn nicht einfach mal in den Arm oder hören ihnen zu? Aber ich verstehe auch sie, denn die Mütter sind mit ihrer ganzen Situation einfach total überfordert (viele Kinder, Geldsorgen, Verantwortung für die Kids und ein Vater, der prügelt, trinkt oder abhaut....) und sie wissen sich nicht anders zu helfen.

Ich habe in der 1. Woche dasselbe „Programm“ in allen Comedores gemacht, um so einen Vergleich zu haben und um zu sehen, wo es an was mangelt. Immer wieder stellte ich fest, dass die Kinder, die zu so gut wie gar nichts zu bewegen waren und an die ich nur schwer rankam, Riesenprobleme im Elternhaus haben. Beim Arbeiten mit den Kids hier stößt man auf ganz andere Probleme als bei uns. So ist es z.B. wichtig, immer eine übersichtliche Menge an Stiften auszuteilen. Nicht nur, damit die Kids teilen lernen, sondern auch, weil sich aufgrund der vielen, kleinen flinken Hände sonst die Anzahl der Stifte rapide verringern würde. Ich versuche jetzt, auf die Probleme in den einzelnen Vierteln intensiver einzugehen und den Kindern spielerisch Verhaltensregeln und Normen zu vermitteln.

Bis Weihnachten habe ich geplant, mit den Kindern in jedem Comedor eine „Ecke“ zu bemalen, zu dekorieren etc., so dass sie eine Art „Höhle“ oder ein Plätzchen haben, wohin sie sich zurückziehen können. Außerdem will ich mit den Kids Weihnachtskarten gestalten und diese verkaufen, um mit dem Erlös eine kleine Weihnachtsfeier machen zu können. So kann ich den Kids aufzuzeigen, wie wichtig es ist, zu arbeiten und so sehen sie, was sie selbst leisten können. Außerdem soll es in den Vierteln zum Ende des Jahres eine Ausstellung geben, bei der die Arbeiten der Kids, die in den nächsten Wochen entstehen, gezeigt werden.

Zusammen mit einer Theaterlehrerin wollen wir bis Weihnachten auch ein „etwas anderes“ Grippenspiel mit den Kindern aus den Viertel auf die Beine stellen.

29. Oktober 2005

Wieder eine Woche später und um einige Erfahrungen reicher...

Die Regentänze wurden erhört. Nach 7-8 Monaten regnete es zum ersten Mal wieder! Ich wurde nachts vom heftigen Regen geweckt, der auf das Flachdach prasselte und – auch wenn ich mich freute – mußte ich an die Menschen denken, die kein so solides Dach über dem Kopf hatten und die in dem Augenblick wahrscheinlich damit beschäftigt waren, ihre „Häuser“ leer zu schaufeln oder das Wasser, das durch das lecke Dach eindrang, mit Töpfen aufzufangen. Am nächsten Morgen war das Chaos hier perfekt; die Straßen und Gärten waren ein einziger See und die Autofahrer versuchten vergeblich, ihre Gefährte von der Stelle zu bewegen. Leider ist beim Gewitter das Modem am einzigen brauchbaren Rechner weit und breit (im Haus von Schwester Teresa) abgefackelt, so dass ihr diese Einträge wohl erst in 1 oder 2 Wochen lesen könnt.


Einige Impressionen von meiner Arbeit hier:

San Nicolas

Kati (21 Jahre) fragt mich: „Wie, Du bist aus Deutschland? Ist das noch weiter weg als Bolivien? Ha, aber deutsch ist ja dann ganz einfach, es ist ja fast gleich (So viel zu meinem spanisch) wie castellano, denn ich kann Dich verstehen!“

San Antonio

Ich frage ein kleines, ca. 4-jähriges Mädel nach seinem Namen. Sie antwortet mir mit: „Yo??!!“ (gesprochen: „tscho“!?) - „yo“ bedeutet auf deutsch „ich“ und deshalb antworte ich ihr: „Ja, Du! Wie heißt Du???“ – „Yo!!!“ Ich versuche es mit Gesten und erkläre Ihr: „Ich bin Fabiola und Du, wie heißt Du???“ – „Yo!!!“ Hmmm, ein älteres Mädel hilft mir und erklärt, dass die Kleine „Brenda“ heißt. Ich gebe mich damit zufrieden und wir malen weiter... Später teile ich Stifte aus. Brenda hüpft um mich rum, zerrt an meinem Bein und ruft: „Yo, yo, yo!“ – Ich sage: „Ja, Du bist auch gleich dran, setz Dich bitte auf Deinen Platz!“ Mit der Zeit stelle ich fest, dass klein Brenda auf alle meine Fragen und Erklärungen mit „yo“ antwortet und dass es das Einzige ist, was sie sagen kann. Da ist es auch nicht schwer, sich vorzustellen, wie sehr man sich daheim um sie kümmert.

La Feria

Meine größte Aufgabe hier wird sein, die Horde wilder kleiner „Piojos“ (Läuse) dazuzubringen, sich eine Geschichte anzuhören ohne sich dabei auf dem Boden zu wälzen und sich zu prügeln oder wild durcheinander zu quasseln.

Los Altos

Statt von Haus zu Haus zu stapfen, um Kinder einzusammeln, interessieren sich meine kleine Begleiter mehr für die Brombeerbäume am Straßenrand, und auf meine Frage, ob in der Chapa (Hütte) rechts oder links Kidies wohnen, krieg ich entsprechende „an Brombeerbäumen orientierte“ Antworten: „Neee, da wohnen keine, erst wieder da vorne, da wo der Baum mit den weißen Brombeeren ist!“ Ich werde mich in „los Altos“ wohl in Zukunft nur entsprechend der Brombeerbäume orientieren können. Schwierig wird es dann, wenn alle abgeerntet sind.

La Rinconada

Der erneute Regen wird uns zum Verhängnis. Die Strassen haben sich erneut in riesige Matsch- und Seenflächen verwandelt und die Kids sind leider nicht zum Comedor zu bewegen. Nur verständlich, da sie – wenn überhaupt – nur billige Stoff- oder löchrige Sportschuhe haben.

Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Bis mittags haben sich die Regenwolken verzogen und ich mache mich auf den Weg ins Barrio „La Curva“, ins sogenannte „Viertel des Todes“, das gleich neben dem Viertel „San Antonio“ liegt, das denselben „Spitznamen“ trägt. Ich weiß, dass sich die Situation in den Vierteln inzwischen beruhigt haben soll. Genaueres wollte mir Niemand sagen und ich habe auch nicht länger nachgebohrt, denn sonst würde ich wahrscheinlich nicht so fröhlich pfeifend und freundlich grüßend quer durch „La Curva“ zum Comedor laufen. Ich hatte mir für dieses Viertel noch 2 Mädels zur Verstärkung gesucht, da es für die Kids vom diesem Comedor noch nie ein Angebot gab. Beim Rundgang durchs Viertel wurde ich von den Müttern herzlich empfangen. Ich stellte fest, dass in so gut wie jeder der Hütten 5-12 Kinder wohnten und die Mütter schienen froh zu sein, ihre Kurzen mal für 2 Stunden los zu haben. Um so größer war meine Enttäuschung, als ich zum Comedor zurückkam und dort nur ca. 40 Zwerge auf mich warteten. Doch das sollte sich während der Vorstellung, dem Begrüßungslied und dem anschließenden Spiel etc. schlagartig ändern.

Innerhalb kürzester Zeit – ich hatte eine kurze Geschichte vorgelesen und war gerade dabei, jedem der Zwerge ein Blatt und eine Holzfarbe (ich hatte bereits gemerkt, dass es sinnvoll ist, jedem nur einen Stift zu geben) in die Hände zu drücken - strömten immer mehr kleine schwarzhaarige Piojos in kleinen Grüppchen zur Türe herein, bis der Raum förmlich über zu quellen schien. Bei dem Geschrei war das eigene Wort nicht zu verstehen und überall wälzten sich ein paar Zwerge auf dem Boden und prügelten sich oder sie rannten umher und schlugen um sich. Andere veranstalteten ein Trommelkonzert auf den Tischen und alle paar Sekunden landete ein (wie mir schien) halber „Felsbrocken“ auf dem Wellblechdach des Comedors, den die Jungs, die draußen rumtobten, mit ihren Steinschleudern hinauf beförderten. Ich versuchte nun, die Neuankömmlinge zu integrieren und ihnen einen Sitzplatz, Blatt und Stift zu organisieren. Doch das größte Interesse der meisten war, sich den Stift unter den Nagel zu reißen und ihn daheim in Sicherheit zu bringen. Selbst die Kids, die ruhig am Tisch saßen und malten, weigerten sich anschließend, die Stifte zurückzugeben. Obwohl ich mich dann an die Tür stellte und die Kids nur noch „im Tausch“ gegen den Stift raus ließ, entwickelte sich der Tag zum „Dìa del robo“ (zum „Tag des Raubes“).

Für den nächsten Tag musste ich mir also schleunigst ein neues, der Gruppe angepasstes, „Programm“ einfallen lassen und mir Unterstützung suchen. Für Samstagmorgen hatte ich dann Zeitungen und Zeitschriften besorgt und „encrudo“ (Kleber aus Mehl und Wasser) vorbereitet, um Collagen zu machen. So konnte wir diesmal entspannter mit den Kids arbeiten. Als ich am Samstag mit Stef telefoniert habe und ihm erzählte, wie`s uns erging, meinte er: „Am liebsten würde ich eine ganze Palette mit Holzstiften rüberschicken, damit alle Farben daheim haben und dann keine mehr klauen müssen!“ Hmmmm, ja! Ich habe darüber nachgedacht, aber ich glaube gar nicht mal, dass die Zwerge die Sachen dann NICHT davon schleifen würden, da sie nicht wirklich aus Bedürftigkeit klauen, sondern mehr aus Gewohnheit. Ich meine: Warum putzen wir uns die Zähne? Klar, weil wir sonst Löcher kriegen oder wie ich einen Horror vor dem Zahnarzt haben. Nein, aber eigentlich doch aus Gewohnheit, weil unsere Eltern uns beigebracht haben, unsere Zähne zu putzen. Hätten sie das nicht, würden wir es wohl nicht tun. Und aus dieser Gewohnheit heraus klauen wohl auch die Kids, wann immer sich die Möglichkeit ergibt. Ich arbeite in 7 Comedores und die materiellen Verhältnisse in den Stadtteilen bzw. in den Dörfern ist nicht wesentlich unterschiedlich und doch hat sich nur in manchen Viertel eine Mentalität des Klauens entwickelt, die sich natürlich auch in den Kids widerspiegelt!.

San Antonio

Es ist verrückt, wie sich heute aus einem kleinen Streit von ein paar Zwergen eine Riesenschlägerei entwickelt hat. Durch die großen Familien ist in den Armenviertel fast jeder irgendwie verwandt mit jedem. Der Familienzusammenhalt ist groß und die älteren Geschwister sind für die Jüngeren verantwortlich und beschützen sie. Rempelt nun eines der größeren Kinder zufällig einen Zwerg an und der fällt um und schreit los, dann kommt garantiert der ältere Bruder oder die ältere Schwester oder der Cousin des Zwerges an und verpasst dem Übeltäter eine schallende Ohrfeige. Hat es den dann auch ordentlich erwischt und er kreischt los, dann kommt dessen ältere(r) Bruder/ Schwester und rächt sich etc. etc. So hat sich auf der Strasse in der Nähe des Comedors heute wirklich fast aus dem „Nichts“ heraus ein Riesenstreit entwickelt, bei dem 30-40 Kids aufeinander eingeprügelt haben. Zunächst haben sich die Jüngeren "nur" mit Fäusten und Steinschleuder gewehrt, doch dann kamen ältere Geschwister hinzu und es flogen bis zu handflächengroße Steine. Wahnsinn!!! Anfangs hab ich ja noch versucht, die kleinen Streithähne zu stoppen, als dann aber das Ganze derart eskaliert ist und aus allen Seitenstrassen chicos zusammengelaufen kamen, war jedes Wort überflüssig.

Weitere Informationen über die Projekte von Arte y Pan findest du unter: www.arteypan.de.

 
 
Arte y Pan  

Arte y Pan e.V.

Kreatives Tun und gemeinsames Erleben steht bei unseren Kunstprojekten mit Straßenkindern im Vordergrund, aber auch Gefühle haben hier ihren Platz: Gemeinsam malen, basteln, experimentieren, bauen und kleben wir mit den Kids, wir spielen Theater, erzählen und hören Geschichten...

Wir fördern, begleiten und motivieren die Kinder beim spielerischen Lernen, beim Üben von Toleranz und sozialem Verhalten. Mit viel Spaß unterstützen wir die Kinder und Jugendliche beim Entwickeln von Selbstbewusstsein, Fantasie und „Eigensinn“ und bieten Ihnen eine Alternative zu ihrem „Lebensraum Straße“.

Arte y Pan e.V. will mit Kunst „Licht“ in den tristen, grauen Alltag von Straßenkindern bringen und ihnen neue Möglichkeiten aufzeigen. Für einige Stunden sollen sie der Hoffnungslosigkeit und der häufig vorherrschenden Gewalt entfliehen können und eintauchen in eine bunte Welt der Fantasie, des Malens, des Theaters... Wünsche und Träume werden zum Leben erweckt!

Bei unseren Workshops bieten wir den Kindern die Möglichkeit, die Welt auf spielerische Art und Weise zu erfahren und ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Wir wollen die Kids „an ihrem Bahnhof“ abholen und so reicht das Spektrum unserer Themenfelder z.B. bei unserem Malkurs von „Wie halte ich einen Pinsel?“ bis hin zum „Ausprobieren verschiedener Techniken und Themen“. Fingerfarben, Kleister, Packpapier und Kreide kommen zum Einsatz... Wir malen zu Musik, zu einer Geschichte, nach einer Fantasiereise. Wir bauen Masken, malen Gruppenbilde und es entstehen „Dialoge auf der Leinwand“. Beim Malen können Gefühle erlebt und gestaltet werden: Wut, Freude, Angst und Traurigkeit - alles kann thematisiert und mit der Gruppe besprochen werden. Die Kinder sollen immer die Möglichkeit haben, das zu malen, was ihnen gerade wichtig ist.

Seit Oktober '05 sind wir nun in Cruz del Eje (Argentinien) aktiv. In den „Barrios“ (Armenvierteln) gibt es bereits „comedores“ (Kantinen), in denen die Kids mindestens eine warme Mahlzeit am Tag bekommen, so dass zumindest ihr Hunger notdürftig gestillt ist. Wir kümmern uns mit Idealismus und Kreativität um die fehlende Betreuung der Kids. Auch viele kleine Tropfen tragen dazu bei, unsere Welt ein klein wenig zu verbessern.

 
 
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Freitag, der 30. Juli 2010