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Interview mit der Kongressabgeordneten Orsinia Polanco Jusayú

Kolumbien | 18.10.2006

(Lima, 18. Oktober 2006, na).- Orsinia Polanco Jusayú ist die erste Indígena-Frau, die es in den kolumbianischen Kongress geschafft hat. Bei den Parlamentswahlen im März 2006 gewann sie mit Unterstützung der Linkspartei Polo Democrático Alternativo (PDA) eines der für die Indígenas reservierten Mandate (Circunscripción Especial Indígena) im Repräsentantenhaus. Die Abgeordnete gehört zu den 300 000 Wayúu-Indígenas im Lande, dem einzigen matriarchalen Volk in Kolumbien. Anastasia Moloney, Mitarbeiterin der Nachrichtenagentur Noticias Aliadas, hat in Bogotá mit Orsinia Polanco über die Situation der kolumbianischen Indígenas gesprochen.

Es gibt etwa 800 000 Indígenas in Kolumbien. Mit welchen Problemen hat die indigene Bevölkerung heute hauptsächlich zu kämpfen?

Die indigenen Völker sind direkt in den bewaffneten Konflikt im Land verwickelt. Sie sind häufige Zielscheibe von Angriffen paramilitärischer Gruppen, der Guerilla und selbst der Armee. Unser größtes Problem ist, unsere Territorien, Sprachen und Kulturen zu schützen, die durch die Verfassung von 1991 garantiert werden. Laut Gesetz sind wir die Eigentümer unserer Territorien und können autonom über sie bestimmen. Unsere Territorien bergen viele Rohstoffe, u.a. Erdöl, Erdgas und Kohle, die aber von illegalen bewaffneten Gruppen und multinationalen Konzernen zu ihren eigenen Gunsten ausgebeutet werden. Wir Indígenas werden kaum zu den auf unserem Land geplanten Megaprojekten konsultiert, und wenn doch, dann handelt es sich oft um reine Formsache. Wir haben das Recht auf einen offenen Dialog mit der Regierung, er wird uns aber nur selten ermöglicht. Viel zu oft in der Vergangenheit sind wir unserer heiligen Rechte und Territorien beraubt worden.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, eine gemeinsame Basis für die Indígenas und die übrige Gesellschaft zu finden und die Verständigung zwischen beiden Seiten zu fördern. Uns ist die Umwelt heilig, wir wollen sie bewahren und in Harmonie mit ihr leben. Für die Weißen geht es meistens nur darum, die Natur auszubeuten und Gewinn aus den natürlichen Ressourcen zu ziehen, ungeachtet der Folgen für die Umwelt. Dieser fundamentale Unterschied sät Misstrauen zwischen den Indígenas, der kolumbianischen Mehrheitsgesellschaft und der Regierung.

Kolumbien gehört weltweit zu den Ländern mit der größten Zahl an Binnenflüchtlingen. Inwieweit sind die Indígenas von der Flüchtlingskrise betroffen?

Die Gemeinschaften der Indígenas und der Afrokolumbianer sind von allen Bevölkerungsgruppen am stärksten von der Vertreibung betroffen. Sie sehen sich gezwungen, ihr Land aufgrund der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den illegalen bewaffneten Gruppen und der kolumbianischen Armee zu verlassen. Oft geraten wir zwischen die Fronten. Die illegalen bewaffneten Gruppen wollen die Territorien der Indígenas aus strategischen Gründen und zur Produktion von Rohstoffen [für Drogen] kontrollieren.

Die nur etwa 400 Nukak-Makú aus dem Amazonasgebiet sind eines der letzten verbliebenen Nomadenvölker der Welt. Vor ein paar Monaten ist die Guerilla in ihr Reservat eingedrungen, um die Kontrolle über die Kokaproduktion zu erlangen. Die Nukak-Makú sind in eine nahegelegene Ortschaft geflohen. Jetzt sind sie in den Urwald zurückgekehrt, aber viele sind an Grippe und anderen Krankheiten gestorben. Und auch jetzt, in diesem Moment, werden andere Indígenagruppen gewaltsam vertrieben.

Zwischen den kolumbianischen Indígenabewegungen besteht Uneinigkeit in Bezug auf die Frage, ob man in die Politik einsteigen sollte oder nicht. Was sagen Sie als Kongressabgeordnete dazu – weshalb ist es wichtig, nicht unpolitisch zu sein?

Es gibt 84 verschiedene Indígenavölker in Kolumbien. Um unsere Kultur und unsere Territorien bewahren zu können, brauchen wir eine solide Repräsentation auf Landesebene durch qualifizierte Indígena-Führer, die noch fest in ihren Gemeinschaften verwurzelt sind. Es ist von vitaler Bedeutung, dass die Indígena-Führer ihre Gemeinschaften häufig aufsuchen und nicht in Bogotá hängen bleiben. Wir müssen in Zukunft aktiver und entschiedener am politischen Leben teilnehmen, um uns nicht zu isolieren. Ansonsten werden wir vom Staat vergessen.

In der Vergangenheit ist es den kolumbianischen Indígenabewegungen schwergefallen, Einigkeit zu bewahren. Mein Ziel als Vertreterin aller Indígena-Völker Kolumbiens ist es, dies zu ändern. Darum ist es wichtig, eine feste Zusammenarbeit zwischen der größten kolumbianischen Indígenaorganisation ONIC (Organización Nacional Indígena de Colombia) und der Regierung aufzubauen. Wir Wayuú glauben, dass es überlebenswichtig ist, uns mitzuteilen, über unsere Kultur zu sprechen, offen zu sein, und nicht zu schweigen.

Sie sind die erste in den kolumbianischen Kongress gewählte Indígena-Frau. Welches sind Ihre Ziele in Bezug auf Gender-Fragen?

Die Regierung muss mehr in Bildung investieren. Das wäre meiner Ansicht nach der beste Weg, Frauen mehr Macht zu verschaffen und ihnen zu helfen. Ich habe erlebt, wie die Gebietsverwaltung für lokale Indígenaschulen Lehrer angestellt hat, die aber nie aufgetaucht sind, und es wird nichts dagegen unternommen. Außerdem müssen die Universitäten, die sich in den weniger großen Städten befinden, die gleichen Studienfächer anbieten wie die in den großen Städten. Als ich Jura studieren wollte, musste ich nach Bogotá gehen, weil es dieses Fach an meiner Universität im Departement La Guajira nicht gab. Auch die zweisprachige Bildung an unseren Schulen muss gefördert werden, damit unsere Sprachen und Kulturen erhalten bleiben.

Ein weiteres Ziel, unabhängig von Geschlechterfragen, besteht darin, die unter den Indígenas verbreitete Meinung zu entkräften, die Zentralregierung sei korrupt und egoistisch. Es herrscht tiefes Misstrauen zwischen den Indígenas und der Regierung. Ich arbeite in zwei Welten: Ich kenne nicht nur die Welt der Indígenas, sondern weiß auch, wie die Welt der Weißen funktioniert. Ich bin so etwas wie eine Brücke zwischen beiden, ich baue Vertrauen und Verständnis zwischen diesen so verschiedenen Welten auf.

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